Das schwarze Unheil

Der alte Mann und das Schwert

Angeschlagen und müde vom Kampf dachten die drei Tapferen nur noch an einen trockenen, warmen Platz zum schlafen. Sie schritten die zahlreichen Treppenstufen hinauf, die von den Katakomben weg führten und einen Weg an die Oberfläche verhießen.
Nach einer Weile endeten die Stufen an einer hölzernen Luke, die offen zu sein schien. Seraphina ging voran und öffnete sie behutsam. Dunkelheit. Ein paar Schritte und sie spürten Holzfußboden. Auch die Decke war aus Holzdielen, durch die ein ganz klein wenig schummriges Licht hindurchschien. Als die drei einen Schritt in den unbekannten Raum machten, wurde es plötzlichen heller. Wie sie nun erkennen konnten hatte jemand die Tür zum Kellerraum geöffnet, in dem sie sich gerade befanden. Schnell huschten die drei hinter ein paar Regale und Kisten und versteckten sich.
Die brüchige Stimme eines alten Mannes fragte in den Raum hinein:" Zulina, bist du das?"
Keine Antwort.
Die hölzernen Stufen knarrten als sich der Mann einige Schritt die Treppe hinunterbewegte. “Wer ist denn da?”, fragte er erneut.
Ungeachtet des ablehnenden Kopfschüttelns ihrer Mitreisenden kam Seraphina hinter dem Regal hervor und antwortete dem alten Mann: “Grüße, ehrenwerter Herr! Mein Name ist Seraphina und ich bin sehr müde von einer beschwerlichen Reise. Könntet Ihr mir und meinen zwei Freunden für ein wenig Silber Eure Gastfreundschaft anbieten?”
Völlig irritiert blickten Fia und Wyssal sich gegenseitig an, kamen dann aber zaghaft aus ihren Verstecken und nickten dem Alten zu. “Der ist verrückt, das habe ich schon gemerkt, als er die Tür aufgemacht habe… spielt einfach mit…” flüsterte Seraphina dem Halbling und dem Paladin zu. “Das ist Wyssal und mein Name ist Fia. Wir wären sehr dankbar, wenn ihr uns eine Unterkunft anbieten könntet.”, fügte Fia hinzu.
Einen Moment überlegte der alte Mann und antwortete dann kurz: “Das Essen ist schon auf dem Herd.”, wandte sich um und ging die Treppe hinauf.
Bestätigend lächelte Seraphina ihre beiden Freunde an und wies durch ein Kopfnicken zur Tür.

Im einfach und robust eingerichteten Wohnzimmer des Greises saßen die vier am Tisch und aßen eifrig den Eintopf, den er mit den Worten: “Haut rein, ist umsonst!” aufgetischt hatte. Er schien sehr glücklich und unbeschwert, was Seraphina dazu veranlasste, auch um die peinliche Stille zu unterbrechen, nachzufragen: “Was ist denn das da für ein schönes Schwert?”, und wies auf die gut verarbeitete Klinge, die zur Zierde an der Wand hing. Völlig geistesgegenwärtig begann der alte Mann, so als führe er ein Stück auf und hätte die Geschichte auswendig gelernt oder sie schon hunderte Male erzählt:

“Wisst ihr, ich war einst ein Kämpfer. Ich war in der Garnison von Magnimar stationiert und hab in der Schlacht von 4652 gekämpft. Ihr jungen Hüpfer habt sicher von euren Großeltern darüber erfahren. Nun ja. Das Schwert, es hat mir Glück gebracht. Ich habe mit ihm während der Schlacht dutzenden Orks den Tod gebracht. Doch das war nicht alles. Dem Hauptmann habe ich den Kopf abgeschlagen mit dem Ding. Wie hieß er noch gleich? … Ach ich weiß nicht mehr. Während ich in der Schlacht war, waren meine Frau Urda und meine beiden Kinder daheim und haben gezittert vor Angst. Ich konnte es spüren. Wie ihr sicherlich wisst, haben die Orks uns eine Falle gestellt. Sie lockten uns von der Stadt weg, um die Stadt zu infiltrieren.” Er seufzte tief und machte eine kleine Pause…. “…Sie war tot. Als ich nach hause kam, sah ich, wie meine geliebte Urda, erstochen und grausam zugerichtet auf dem Bett lag. Tot….”

Gespannt hörten die drei der Geschichte des Greises zu und es verschlug ihnen den Appetit. Nach kurzem Schweigen schluckte Fia kurz und fragte dann: “Und die Kinder?… Was ist mit Euren Kindern passiert?”

Der Alte blickte traurig zu Boden und spielte nervös mit seinen Fingern an seiner Serviette. Dann hob er den Kopf und schaute aus dem Fenster. Man konnte sehen, wie er gegen die Tränen ankämpfte. “Die habe ich seither nicht wieder gesehen….”, antwortete er, den Blick immer noch aus dem Fenster, als hoffte er immer noch, sie würden eines Tages zu ihm zurückkehren.

Einen Moment lang schwiegen alle.

Plötzlich fasste sich der alte Mann, fragte höflich in die Runde:" Möchte jemand eine Tasse Tee?" und stand auf, um einen Tee zu kochen, ohne auf eine Antwort von jemandem zu warten. Auf dem Weg in die Küche sagte er: “Mein Name ist übrigens Relfgar. Relfgar Frindahl.”

Als er wieder aus der Küche kam und sein Blick beiläufig aus dem Fenster fiel, ließ er vor Staunen die Teekanne fallen. Völlig euphorisiert ließ er auch seinen Gehstock fallen und lief aus der Tür in den Hof. “Ich glaube es nicht! Die Verderbnis! Sie ist verschwunden!” Verwundert blickten Fia, Wyssal und Seraphina sich an und folgten dann dem alten Mann nach draußen. Und tatsächlich war die Erde nun nicht mehr gelblich und karg bewachsen, sondern das Gras grünte, bunte Blumen sprossen überall aus der Erde. Jegliche Zerstörung, die durch die Verderbnis, der die Abenteurer auf den Grund gehen sollten, war verschwunden.
“Auftrag ausgeführt!” scherzte Wyssal, als sich der Greis zu den dreien umdrehte und fragte: “Ihr habt das getan?” Einstimmig nickten sie. “Bei Abadar! Ihr seid wahre Helden! … Dann könnt ihr sicher…” Der Mann stockte. Er sah sich um und fuhr dann fort: “Ah, ich habe eine Idee!” Er stapfte ins Haus und kam nach einem Moment mit dem Schwert, das bisher noch als Wandschmuck diente, wieder heraus. “Hier”, bot er es den dreien an, “nehmt mein Schwert. Und im Gegenzug, versucht Ihr meine Kinder zu finden. Bitte, ich flehe Euch an. Ich will sie noch ein einziges mal sehen, bevor ich gehe!” Er ging auf die Knie und hielt das Schwert mit beiden Händen anbietend in die Höhe. Fia trat vor, verneigte sich und nahm dann das Schwert. Beruhigend sprach sie: “Habt keine Angst, Relfgar Frindahl! Wir drei..” Sie drehte sich um und unter wildem Kopfschütteln und ablehnenden Blicken von Seraphina und Wyssal drehte sie sich wieder zu dem Alten: “Wir drei werden Eure Kinder für euch finden. Stellt sicher, dass ihr immer hier seid, denn wir werden sie zu euch nach Hause schicken.” Dankbar blickte der alte Mann zu Fia hoch und nickte eifrig: “Danke, danke! Vielen Dank!”

Seraphina legte die Hand auf Fias Schulter und sagte: "Wir müssen dem Hauptmann Bericht erstatten.. " Dann drehte sie sich zu Wyssal und sagte fröhlich: “… und unsere Belohnung abholen!” Die beiden nickten, verabschiedeten sich von dem Greis, dem sie sein Wort gegeben hatten und machten sich auf den Weg aus Ravenmoor zurück nach Magnimar.

Comments

Murmox Murmox

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.